Ich ging aus der Praxis raus, ohne mir der Tragweite bewusst zu sein. Ich lief dann auch noch direkt einem CSUler aus meinem Stimmkreis in die Arme (Omar, du erinnerst Dich), der natürlich im Nachhinein meine Kurzangebundenheit verstanden hat.
An dem Tag habe ich entschieden, am Abend dennoch mit meiner Tochter Corinna zur Verleihung des bayerischen Filmpreises zu gehen. Der Krebs sollte in meinem Leben
mir nicht die schönen Seiten nehmen. Und es war gut so.
Ich bin also in die Klinik, habe meine Operationen gemacht und danach Strahlentherapie. Nein, es war nicht lustig. Es hat sehr, sehr, sehr viel Kraft gekostet und es hat lange gedauert, bis ich sagen konnte: Jetzt fühle ich mich wieder fit. Danke diesen vielen Menschen, die hier mit so viel Fachlichkeit und Liebe tätig sind für uns Patientinnen und Patienten.
Psychisch war ich (mit einem Nachmittag als Ausnahme) sehr stabil. Das liegt daran das mein Umfeld einfach der Wahnsinn war und ist. Meine Familie, insbesondere meine Tochter, die zu dem Zeitpunkt auch noch ihr Abitur bewältigen musste. Mein sensationeller Freundeskreis, der mit eineinhalb Ausnahmen wirklich hinter mir stand, verstanden hat, wenn ich niemanden sehen wollte, aber auch da war, wenn ich Besuch wollte. Ich durfte den Takt vorgeben. Für mich war klar, der Krebs ist ein fremder Gegner und eine wird gewinnen, nämlich ich.
Aber auch mein sensationelles Büroteam. Wir waren ja im Landtagswahlkampf und plötzlich kann die Kandidatin nicht mehr da sein. Was da mein Büro gestemmt hat! Wahnsinn. Danke Niko und danke Claudia!
Aber auch meine CSU im Stimmkreis stand geschlossen hinter mir. Mein Bundestagskollege und Kreisvorsitzender hat damals diese Marschrichtung ausgegeben und das werde ich dir, lieber Flo Hahn, nie vergessen: „Die Kerstin ist unsere Zukunft. Und auch wenn sie im Wahlkampf nie da sein sollte, wir werden das Mandat gemeinsam gewinnen.“ Danke lieber Flo!
Und so sind "meine" CSUler stramm gelaufen. Haben Veranstaltungen gemacht, Flyer verteilt, Haustürbesuche gemacht.
Ein Wahnsinn war aber auch, wie ich von wirklich allen Seiten unterstützt wurde. Es kamen Edmund Stoiber, Theo Waigel, Ilse Aigner, Manfred Weber in meinen Stimmkreis, um nur einige zu nennen und haben, teilweise ohne meine Anwesenheit, für mich gekämpft. Das Ergebnis war dann sensationell: 5,8 Prozent dazugewonnen. Eine echte Mannschaftsleistung!
Die Bürgerinnen und Bürger haben offenbar mitgetragen das ich, obwohl seit über 30 Jahren omnipräsent, jetzt eben mal nicht konnte. Sie haben an mich geglaubt und dadurch hatte ich auch Kraft zu kämpfen. Danke für die (teilweise) anonymen Blumen vor der Tür. Auch unserem Ministerpräsidenten Dr. Markus Söder, danke für den riesigen Blumenstrauß.
Danke für die aufmunternden Worte in E-Mails, Briefen (sogar ein Buch von einer betroffenen Frau über ihren Weg habe ich geschenkt bekommen), aber auch an der Ampel, wenn man einfach das Fenster runtergekurbelt hat und nur ein Daumen hoch rausgestreckt wurde. Ich habe es sehr geschätzt das man mich in Ruhe gelassen hat und mir dennoch so wahnsinnig viel Zuspruch zu Teil wurde.
Meine Fraktion hat hinter mir gestanden und mir dann auch meine Funktion wieder gegeben. Danke auch dafür, denn auch das ist nicht selbstverständlich.
Und heute?
Heute fühle ich mich wieder topfit.
Heute versuche ich mehr auf mich und meinen Körper zu achten.
Und ich achte darauf, wer mir guttut.
Gschaftlhuber, Wichtigtuer und Intriganten habe ich immer schon schlecht ausgehalten. Jetzt akzeptiere ich das noch weniger. Ich achte darauf, wer meine Privatsphäre einhält und wer für mich da ist. Und ich bin es auch für jeden, der es braucht, so weit ich es kann.
Der Krebs hat es geschafft das ich heute auf so manches differenzierter blicke. Mich und das, was ich tue, noch kritischer hinterfrage. Menschen waren mir schon immer besonders wichtig. Deshalb wurde ich Sozialpädagogin und systemische Therapeutin, deshalb bin ich in die Politik gegangen. Weil am Ende immer der Mensch zählt.
Ich wünsche euch allen Gesundheit, immer die richtigen Menschen an eurer Seite und bitte, bitte: Geht zur Vorsorge. Sie kann Leben retten.
Wäre ich nicht zur Mammographie gegangen (anlasslos), man hätte den Krebs nicht gefunden, weil er nicht ertastbar war. Und dann wäre es vermutlich zu spät gewesen.
Passt auf euch auf, geht mit euch und eurem Umfeld liebevoll um. Alles Gute, eure sehr, sehr dankbare und glückliche Kerstin Schreyer